Palantir in Europa: Wie ein US-Datenkonzern den Kontinent eroberte – und wo er an Grenzen stößt
Eine internationale Recherche zeigt, wie Palantir trotz Warnungen in 12 europäischen Ländern Fuß fasste – und warum Schweiz, Deutschland und andere jetzt gegensteuern.
Die Follow the Money Recherche
Eine internationale Koalition aus 18 Medien, angeführt von Follow the Money (Niederlande) — mit Der Standard (Österreich), Netzpolitik.org (Deutschland), Republik (Schweiz), El País (Spanien) und Haaretz (Israel) — kartiert Palantirs Fußspur in Europa. Das Ergebnis: In 12 Ländern hält Palantir nationale Regierungsverträge im Gesundheitswesen, bei Polizei, Diensten und Militär. Der zusammengefasste Wert dieser Verträge liegt bei mindestens 1,4 Milliarden Euro, der reale Betrag höher — denn Schweden, die Niederlande und andere verweigern die Nennung von Summen.
Die Leistung der Software wird nicht infrage gestellt. Was die Recherche hinterfragt, ist, wer letztlich über Entscheidungen bestimmt — und was das für demokratische Kontrolle, Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit in EU-Staaten bedeutet.
Was Palantir tatsächlich kann
Palantir entwickelt Plattformen, die riesige, heterogene Datenbestände zu einem durchsuchbaren System zusammenführen und Rohdaten in Entscheidungen umwandeln. Je nach Produkt kann diese Entscheidung ein behördlicher Vorgang oder ein in Echtzeit ausgewähltes Ziel für einen Schlag sein. Das Maven Smart System, ursprünglich für das US-Militär entwickelt, ist heute zentrales Kommandosystem der NATO.
Das politische Problem
Co-Founder und CEO Alex Karp hat mit Peter Thiel öffentlich gefordert, die USA sollten "tödlicher werden", und sich offen gegen die Demokratie ausgesprochen — eine Position, die von der Recherche berichtet und in eigenen Schriften dokumentiert ist. Die Software wurde von Israel in Gaza, durch die USA im Iran und von ICE innerhalb der Vereinigten Staaten zum Aufspüren von Einwanderern eingesetzt, laut den Berichten. Diese Nutzungen sind es, gegen die demokratische Gesellschaften Fragen berechtigt stellen darf.
Der NATO-Umweg
Eines der auffallendsten Ergebnisse: Wie Palantir indirekt in Europa Fuß fasste. Am 25. März 2025 schloss das NATO Communications and Information Agency einen Vertrag für das Maven Smart System NATO (MSS NATO). Der Deal dauerte nur sechs Monate — einer der schnellsten in der NATO-Geschichte. Installiert ist er am Allied Joint Force Command Brunssum und am SHAPE in Belgien.
Ein NATO-Oberbefehlshaber sagte POLITICO, es gebe "heute keinen echten Wettbewerb zu Palantir". Für Länder in NATO oder der vom UK angeführten Joint Expeditionary Force bedeutet Maven-Nutzung die automatische Übernahme von Palantirs System — auch ohne direkten Vertrag. Frankreich und Deutschland gehören dazu.
Das rechtliche Problem für Regierungen
Art. 22 DSGVO und automatisierte Entscheidungsfindung
Wenn eine Software Personen für polizeiliche oder nachrichtendienstliche Maßnahmen vorschlägt, kann dies eine "durch automatisierte Mittel getroffene" Entscheidung mit rechtlicher oder erheblicher Wirkung sein. Art. 22 DSGVO gewährt Personen das Recht, solchen Entscheidungen nicht unterworfen zu werden, ohne sinnvolle menschliche Aufsicht. Ist das System eine Black Box deren Begründung nicht erklärbar ist, kann dieses Recht ausgehöhlt werden.
US Cloud Act und Datenzugriff
Daten, die ein US-Unternehmen speichert, können auch dann von US-Behörden erreichbar bleiben, wenn die Server physisch in Europa stehen. Für Regierungen, die vertrauliche oder personenbezogene Daten verarbeiten, entsteht so ein Spannungsverhältnis zur DSGVO-Transferregelung und den europäischen Datenschutzgrundlagen.
Demokratische Verantwortung und Transparenz
Rechtsstaats- und grundrechtliche Rahmenwerke verlangen, dass Eingriffe in Rechte klar, vorhersehbar und wirksam anfechtbar sind. Ein proprietäres System eines ausländischen Privatunternehmens — mit eigenen Ingenieuren in der IT von Regierungen — erschwert sowohl die Nachvollziehbarkeit als auch die öffentliche Kontrolle.
Der Gegenwind
Schweiz: Nach sieben Jahren Lobbyarbeit lehnte die Schweizer Armee Palantir fünfmal ab. Ein interner 20-seitiger Befund stellte fest, dass Datensouveränität nicht gewährleistet werden konnte, die Software nicht lokal lauffähig war und sensible Daten für die US-Regierung und Geheimdienste lesbar sein könnten. Die Empfehlung: europäische Alternativen.
Deutschland: Die Bundeswehr sagte im April 2026, sie würde "überhaupt keine" Verträge mit Palantir abschließen, um Zugriff auf die Verteidigungsdatenbank zu schützen. Der Inlandsgeheimdienst entschied sich stattdessen für die französische Firma ChapsVision.
Dänemark: Die Armee wurde angewiesen, die fortgeschrittenen Maven-Verhandlungen abzubrechen und eine europäische Alternative zu suchen.
Frankreich & Norwegen: Beide lehnten kürzlich die Verlängerung bestehender Verträge ab.
Die Souveränitätsfrage
"Regierungen tragen Verantwortung gegenüber ihren Bürgern, nicht gegenüber amerikanischen Oligarchen," sagt Francesca Bria der Eurostack-Initiative der UCL. Palantir betont, die Kunden behielten die volle Kontrolle und das Unternehmen verkaufe oder nutze Kundendaten nicht. Kritiker weisen jedoch auf ein Muster hin: Palantir sendet eigene Ingenieure, verkauft eine intransparente "magic layer" und schafft Abhängigkeiten, aus denen man kaum befreien kann.
Warum das für Europa zählt
Die Debatte deckt eine tiefere Spannung auf. Selbst NATO-Oberbefehlshaber Pierre Vandier gibt zu, dass Europa Chips, Cloud-Infrastruktur und die Zeit für eigene Alternativen fehlt — bettet aber, dass kurzfristige Souveränität Datenkontrolle bedeutet, nicht volle Autonomie. Solange Palantirs Software entscheidet, wer ins Visier gerät und wie Regierungen laufen, bleibt die Frage der letztendlichen Kontrolle ungelöst.
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